Nachruf auf Erich Herrmann (17.06.1928 bis 19.01.2018)

07.02.18

Eine kritische Stimme ist verstummt

Am 19. Januar 2019 verbreitete sich die Nachricht in Offenbach in Windeseile. Erich Herrmann ist tot. 

Das war eine Meldung, die nicht allein Sozialdemokraten in Bieber betroffen machte, Erich Herrmann war mehr als 70 Jahre Mitglied der SPD, ein langjähriges Mitglied im Vorstand des SPD-Ortsvereins, aktiv in der Arbeitsgemeinschaft 60plus in der SPD und sehr aktiv in der HISTOKO, der historischen Kommission in der SPD.

Er verstarb an den Folgen eines Sturzes mit seinem Rollstuhl, als er  für den Arbeitskreis Waldhof unterwegs war.

Am vorletzten Freitag bekam er die gedruckten Flyer mit den Einladungen zur Diskussion über die Zukunft des Waldhofgebietes. Weil die Zeit sehr knapp war, setzte Erich sich in seinen Rollstuhl um die Aushänge anzubringen und Mitgliedern des Arbeitskreises Umschläge mit den Einladungen in ihre Briefkästen zu stecken.

Das war Erichs letzte Aktion. Bei einem Sturz mit dem Rollstuhl fiel er aufs Gesicht, brach sich die Nase, landete im Klinikum und wurde operiert.Am anderen Morgen war er tot. Er hat also bis zu seinem letzten Tag für den Waldhof gearbeitet.

Wir alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, wir schulden ihm viel. Seine Partei, seine Gewerkschaft, Arbeiterwohlfahrt und die Menschen im Stadtteil Waldhof, wir haben unseren Besten verloren.

 „Tot ist nur, wer vergessen ist“  schrieb einst der sozialistische Schriftsteller Emil Henk. 

In unserer Erinnerung lebt Erich Herrmann weiter!

In Erinnerung an sein Leben haben wir anbei die Trauerrede unseres ehemaligen Oberbürgermeisters, Wolfgang Reuter, beigefügt.

Nachruf von Wolfgang Reuter anlässlich der Trauerfreier für Erich Herrmann, am 31.1.2018 auf dem Bieberer Friedhof

Erich Herrmann ist tot – in unserer Erinnerung lebt er weiter.

Als Kämpfer und Streiter, als aktiver Schreiber und emsiger Arbeiter. Ein unglücklicher Sturz hat sein ereignisreiches Leben jäh beendet. Erich fehlt seiner großen Familie.

Eine ganze Reihe von Organisationen und Initiativen werden auf Erichs Rat, seine stete Hilfsbereitschaft, seine kreative Mitarbeit vermissen. Überall dort, wo er bis zum letzten Tag gewirkt hat, fehlt in Zukunft seine kritische Stimme, seine präzise Analyse, seine große Erfahrung, seine Sachkenntnis, sein Ideenreichtum. Das gilt nicht nur für wichtige politische Fragen und soziale Projekte, das gilt auch für viele Probleme des Alltags.

Ich muss hier mit ein paar Sätzen seine Arbeit für den SPD-Ortsverein Bieber erwähnen. Erich stellte sich für einige Jahre als 2. Vorsitzender dem SPD-Ortsverein zur Verfügung. Und brachte seine Vorstellungen und politischen Ziele ein. Ein Instrument war für ihn die Mitgliederinfo. Erich hatte nicht nur die Idee, er setzte sie auch um. Das heißt, neben der Einladung zu einer Sitzung, Veranstaltung oder zum jährlichen Sommerfest auf der Titelseite, schrieb er für das 4-seitige Info kurze Meldungen, Berichte und Kommentare. Er druckte das Info und stellte Papier und Geld dafür bereit.

In seinem  letzten Kommentar in der jüngsten Ausgabe des Mitgliederinfo gibt er seine Meinung zu den Groko-Verhandlungen wieder und betont die fällige Erneuerung der SPD könne nicht nur in der Opposition, sie müsse auch in der Regierung erfolgen. Und der erfahrene Verhandler erklärt dazu, statt unfruchtbarer Oppositionsarbeit müsse man im Kampf gegen Altersarmut, um die Sozialversicherung und für die Interessen der kleinen Leute viel leisten. Was er da geschrieben hat, könnte für uns so etwas wie eine letzte Mahnung sein, vielleicht ein Vermächtnis.

Erich Herrmann war Offenbacher Stadtverordneter von 1964 bis 1977. Also für drei Legislaturperioden. In der SPD-Fraktion war er bald der anerkannte Sprecher in Wirtschaftsfragen. 1972 hatten wir schon mal kleinere Sachkonflikte – ich war damals neuer Fraktionsvorsitzender – und wollte eine verkürzte Beschlussfassung der Fraktion zu Magistratsvorlagen durchsetzen wie in der STV,  also TO I: Diskussion und Beschluss - TO II: nur Abstimmung. Denn die Fraktionssitzungen sollten nicht mehr bis nachts dauern. Erich war dagegen. Er verlangte eingehende Erörterung zu jedem einzelnen Punkt. Also meldete er zu jedem TO II-Antrag Redebedarf an. So hielt sich das neue System in der Fraktion nicht allzu lange.

Die Fraktion entsandte Erich in die Personal- und Organisationsdeputation, in  den wichtigen Finanzausschuss und in die Werkkommission der Stadtwerke. Ich erinnere mich lebhaft, wie die Stadtverordneten damals die Wirtschaftspläne der Stadtwerke diskutierten. Dem damaligen Werksdezernenten Bürgermeister Karl Appelmann mag es nicht immer so ganz recht gewesen sein, wenn er die Wirtschaftspläne einbrachte, dass dann ein außerordentlich gut informierter Stadtverordneter sich im Detail mit diesen Plänen auseinandersetzte und manchen Ansatz zerpflückte.

Dann wurde Erich Herrmann stellvertretender Stadtverordneten-Vorsteher und Mitglied im Ältestenrat. Keiner - auch er selbst nicht - sah voraus, dass dies für ihn einmal eine bedeutende Funktion sein würde, sozusagen ein Höhepunkt seiner Stadtverordneten-Zeit:

Zur Tausend-Jahrfeier der Stadt Offenbach1977 kamen nämlich der Hessische Ministerpräsident Holger Börner und Bundespräsident Walter Scheel in die Stadthalle und Erich als Stellvertretender Stadtverordneten-Vorsteher durfte sie begrüßen. Eine solche Aufgabe war noch keinem Vorsteher oder Stellvertreter zugefallen. Erich löste diese Aufgabe zu aller Zufriedenheit – und mit einem bisschen Stolz erzählte er davon noch bei seiner Ehrung für 70 Jahre Parteimitgliedschaft.

Als Erich Stellvertretender Bundesvorsitzender und dann Bundesvorsitzender seiner NGG-Gewerkschaft wurde und nach Hamburg zog, endete seine Arbeit im Offenbacher Stadtparlament. Auch wer hier nicht immer seiner Meinung gewesen war, vermisste seine Stimme in Fraktion und Plenum, war er doch immer für angeregte, vertiefte Diskussion besonders in Wirtschaftsfragen gut.

 Als Erich dann in den Ruhestand trat, Hamburg wieder verliess und nach Offenbach zurückkam, denn da hatte er sein Haus im Waldhof immer beibehalten, warteten hier längst neue Aufgaben auf ihn.

Zunächst hörte er an der Frankfurter Universität Vorlesungen in Philosophie, „richtig mit den jungen Leuten“, wie er einmal sagte. Als er 80 wurde,  hat er  Ralo das Motiv seines späten Studiums verraten. Er suchte nach dem Schlüssel zum Verstehen der Welt.

Gefunden hat er ihn wohl nicht. Denn sein spöttisches Fazit war: „Mein Unverständnis hat jetzt ein höheres Niveau erreicht“.

Später hörte er an der Senioren-Universität Vorlesungen zu Verfassungsfragen, zu Finanz- und Steuerproblemen. Gemeinsam mit Siggi Scholz,  Manfred Groß und mir besuchten wir mittwochs nachmittags Seminare zur amerikanischen Verfassung und diskutierten hinterher bei einer Tasse Kaffee mit dem Dozenten. Einmal war ich verhindert. Beim nächsten Treff überreichte Erich mir seine  Mitschrift, eine Kurzfassung der Vorlesung. So wurde mir klar, dass Erich mit Leidenschaft und mit Sinn fürs Wesentliche Protokolle verfasste.

Als wir die SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 Plus wiederbelebten, konnten wir Erich als Schriftführer gewinnen und da verriet er mir ein Geheimnis über seine schnellen Protokolle. Er bereite stets den Entwurf weitgehend vor und ergänze ihn dann, wenn neue Anregungen oder Termine in der Sitzung vorgebracht wurden. Dieses Verfahren erlaubt es, dass der Vorstand noch am gleichen Abend oder am nächsten Morgen die Niederschrift im Mailfach oder im Briefkasten hat. Was zu bewundern war: Das Wichtigste war erfasst und schnellstens auf den Weg gebracht. Gern hat Erich auch politische Aussagen, Forderungen und Wünsche postwendend in Pressemitteilungen umgesetzt. Denn er war überzeugt, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf aktuelle Informationen hat. Das ganze Verfahren hat mir sehr imponiert. Ich habe mir es abgeguckt und angewöhnt. Nach einer Zusammenkunft der Historischen Kommission erhalten Mitglieder sofort das Protokoll des Tages. Das garantiert, dass jeder sogleich nachlesen kann, was vereinbart wurde.

Ähnlich verfuhr Erich auch beim Arbeitskreis Waldhof. Dort war er Nestor, Mentor, Motor und Macher. Wenn er das Protokoll führte und die Diskussionen sich mal im Kreise drehten, fragte er höflich: „Was darf ich aufschreiben?“ Dabei hatte er die wesentlichen Stichworte längst auf seinem Zettel. Auch bei „Kreuz und Quer-Reden“ die sich in einem Arbeitskreis so ergeben, formulierte er die Niederschriften so, dass sich daraus Vorgehen und Aktionen klar ablesen ließen. Aber nicht nur, wer was übernommen hatte, stand dann da. Auch er selbst stellte sich für die unterschiedlichsten praktischen Sachen zur Verfügung. Er bastelte Wandzeitungen und druckte Flugblätter und Aushänge und klebte sie persönlich in die Schaukästen.

Und er kämpfte hart für den Erhalt der Waldkulisse. Mit Erfolg, der Waldstreifen zwischen Seligenstädter Straße und der S-Bahn wurde nicht abgeholzt. Für den Förderverein Schule Waldhof führte er  die langwierigen Verhandlungen mit dem Finanzamt über die Gemeinnützigkeit und mit dem Amtsgericht über die Eintragung ins Vereinsregister.

Zuletzt konnte er noch erleben, dass Waldhof anstelle der Pavillonbauten endlich eine richtige gute Schule bekam und dann auch die lang entbehrte Turnhalle. Nun müssen die Waldhofkinder nicht mehr zum Turnunterricht bis nach Bieber laufen oder fahren. Der Förderverein hatte seine wichtigen Ziele erreicht und Erich durfte die Abwicklung des Vereins betreiben.

Das lange geforderte Stadtteilbüro an der Ottersfuhrstraße blieb einige Zeit ungenutzt, weil attraktive Angebote fehlten. Der Arbeitskreis Waldhof akzeptierte deshalb meinen Vorschlag, dort eine Vortrags- und Diskussionsreihe einzurichten. Erich fand dazu den passenden Titel: Waldhofgespräche. Im Herbst des vergangenen Jahres trafen sich dann am letzten Mittwoch des Monats  nachmittags so zwischen 15 und 20 Personen und hörten Vorträge zur Rente, zu Behindertenproblemen oder zum Seniorensport. Erich formulierte dann die Flyer, ließ sie drucken und beteiligte sich an der Verteilung. Mit seinem Rollstuhl war er sehr sportlich unterwegs.

Am vorletzten Freitag bekam er die gedruckten Flyer mit den Einladungen zur Diskussion über die Zukunft des Waldhofgebietes. Das Gespräch mit Peter Janat sollte heute stattfinden. Weil die Zeit schon knapp war, setzte Erich sich in seinen Rollstuhl um die Aushänge anzubringen und Mitgliedern des Arbeitskreises Umschläge mit den Einladungen in ihre Briefkästen zu stecken.

Das war Erichs letzte Aktion. Bei einem Sturz mit dem Rollstuhl fiel er aufs Gesicht, brach sich die Nase, landete im Klinikum und wurde operiert.

Am anderen Morgen war er tot. Er hat also bis zu seinem letzten Tag für den Waldhof gearbeitet.

Wir alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, wir schulden ihm viel. Seine Partei, seine Gewerkschaft, Arbeiterwohlfahrt und die Menschen im Stadtteil Waldhof,

wir haben unseren Besten verloren!

 „Tot ist nur, wer vergessen ist“  schrieb einst der sozialistische Schriftsteller Emil Henk. Deshalb  wiederhole ich meinen Satz vom Anfang:

In unserer Erinnerung lebt Erich Herrmann weiter!

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